Eigenes Buch

Katherine Webb – Das fremde Mädchen

51HA1QYdC+L._SX314_BO1,204,203,200_Bath im Jahr 1821. Die Gouvernante Rachel gilt mit 29 schon fast als alte Jungfer, doch hat sie durch den Bankrott ihres Vaters und den Tod ihrer Eltern vor einigen Jahren die Hoffnung auf eine standesgemäße Partie aufgegeben. Als der Weinhändler Weekes ihr einen Antrag macht, nimmt sie ihn dankbar an, wohl wissend, dass er sich von ihr in erster Linie Geschäftskontakte verspricht. Schließlich erhalten sie auch Eingang ins Haus der Familie Alleyn, wo Rachel schon bald als Gesellschafterin für den Sohn des Hauses eingestellt wird. Jonathan Alleyn ist nicht nur durch den Krieg 1809 schwer traumatisiert, sondern durch den Verlust seiner Jugendliebe Alice, dem Mündel seines Großvaters, die ihn in eben diesem Jahr plötzlich sitzenließ. Starling, das Küchenmädchen der Alleyns, scheint eine besondere Beziehung die Alice gehabt zu haben, und hasst Jonathan seit Alice Verschwinden. Rachel beginnt sich mehr und mehr in die Geschichte hineinziehen zu lassen und will selbst wissen, was vor zwanzig Jahren geschah …


Katherine Webb ist ja, neben Kate Morton, der große Name im Bereich des „düstere Vergangenheit wirft lange Schatten“-Romans. Wobei ich immer finde, dass Webb da eher die seichteren Gemüter befriedigt, ihre Romane sind immer schon sehr an der Grenze zum Kitsch angesiedelt. Auch in „Das fremde Mädchen“ finden sich so ziemlich alle Zutaten eines Klischeecocktails, die permanent geschüttelt werden. Wirklich überraschend war für mich effektiv kaum etwas am Roman, man hatte so von Anfang an Vermutungen, die auch jedes Mal bestätigt wurden, einzig und allein der wahre Täter war dann doch etwas überraschend, aber eben auch sehr naheliegend. „Seicht“ trifft es vielleicht am besten, wie dieses Buch auf mich gewirkt hat beim Lesen, viele eigentlich sehr interessante Beweggründe von Figuren werden nur mal so knapp am Rand genannt, statt sie auszubauen. Die gesamte Storyline um Rachels Zwillingsschwester ist ein bisschen absurd und wird effektiv nie wirklich ausgebaut, es ist eher, als hätte auch die Autorin gerafft, dass man Rachels Neugier begründen muss – aber so? Das grenzt schon sehr an die Kolportageromane im 19. Jahrhundert. Spannend sind hier natürlich auf jeden Fall die Passagen über Jonathans Kriegserlebnisse, aber auch hier finde ich, dass es schon viel zu viel ist, was ihn alles traumatisiert – hätte man da nicht nur eine oder zwei Sachen nehmen können?


Was mich aber beim Buch mehr gestört hat, war, dass ich nicht wirklich mit den Figuren warm geworden bin. Sie waren mir samt und sonders zu holzschnittartig und unüberraschend. Insbesondere die ach so gute, ach so verklärte Alice ging mit beim Lesen zunehmend auf den Senkel und ich frage mich, ob sie wirklich so naiv sein muss wie hier dargestellt. Auch Rachel und ihre rührende Unschuld sind schon sehr behütet, ich hätte mir eine kleine Prise mehr Pfeffer in ihr gewünscht. Einzig Starling ist für mich zumindest eine interessante Figur mit Ecken und Kanten, die aber schon so stark gezeichnet sind, dass sie eher abschrecken. Und von dem traumatisierten Jonathan will ich gar nicht erst anfangen, selbstverständlich kann ich verstehen, dass seine Erlebnisse ihn zu dem machen, was er ist – aber sympathische ist er halt trotzdem nicht.

Gesamt gilt: ein unterhaltsames Buch, klar. Aber eben nicht ganz so stark wie andere Romane in diesem Genre.


Info-linkDiana Verlag, 656 Seiten.

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