Rezensionsexemplar

David Sedaris – Wer’s findet, dem gehört’s

51+DllWSWAL._SX311_BO1,204,203,200_In Wer’s findet, dem gehört’s gewährt Sedaris der Welt zum ersten Mal Einblick in seine privaten Aufzeichnungen – eine persönliche Erzählung davon, wie ein drogensüchtiger Schulabbrecher mit einer Schwäche für billige Pfannkuchen und dem Talent, jeden Job zu verlieren, zu einem der lustigsten Menschen auf dem Planeten wurde. Die meisten Tagebücher – sogar die großer Schriftsteller – sind unvorstellbar dröge, weil sie von Gefühlen, Träumen, dem Innenleben handeln. Sedaris‘ Tagebücher sind einzigartig, weil sie sich nach außen wenden. Er erklärt uns nicht, wie sich die Welt für ihn anfühlt, er zeigt uns die Welt, und damit auch, was ihn wirklich ausmacht …


Soweit also der Klappentext. Und natürlich sollte ich an dieser Stelle erwähnen, dass ich das Buch selbst dann als Rezensionsexemplar angenomme hätte, hätte der Klappentext mir erklärt, es hier mit dem drögesten, nutzlosesten Stück der Literaturgeschichte zu tun zu haben, einfach weile s David Sedaris ist. Aber eben weil er es ist, kann das Buch gar nicht dröge sein, sondern eben … naja, anders eben.

Ich habe die Einträge natürlich gelesen mit den anderen Büchern im Hinterkopf. Und daher war es irssinig spannend, immer wieder über Szenen zu stolpern, die dann später in seinen Geschichten verarbeitet wurden. Wenn da also einfach mal mittendrin erwähnt wird, dass er sich bei Macys als Weihnachtszwerg bewirbt, dann weiß man, dass daraus dann die Sntaland Diaries werden, die letztlich seinen Durchbruch bringen. Oder wenn er 1990 davon redet, dass er von einer Freundin für 20$ Transportkosten eine Leiter abholen soll aus einem Loft – mein erster Gedanke war „oh mein Gott, die Geschichte ist wirklich wahr!“ – und ab dann der Name Hugh immer öfter erscheinen wird. Nicht zu vergessen die Krebserkrankung seiner Mutter und der plötzliche Eintrag „Mum ist gestern überaschend gestorben“, der wirklich umhaut. Für Sedaris-Leser ist das Buch also eine immer wiederkehrende Quelle der Erinnerung und des spontanen Aufjuchzens, weil man sozusagen einen Blick hinter die Kulissen bekommen, der Entstehung seiner Bücher mehr oder weniger beiwohnt, ohne ihn je davon sprechen zu hören, sie wirklich zu schreiben.

Gleichzeitig ist das Buch aber auch eine spannende Sammlung von Anekdoten und Beobachtungen der Welt dort draußen und der Menschen. Bedingt durch seine finanziellen Verhältnisse, seinen lang anhaltenden Drogen und Alkoholmissbrauch und überhaupt alles andere, lebt Sedaris sehr lange in Wohnungen, deren Umfeld geradezu danach schreit, Wahnsinnige, Durchgeknallte oder latent Gewalttätige anzuziehen. Und all diese Verlierertypen der Gesellschaft werden von ihm dennoch auf Augenhöhe behandelt und erlebt, ihre geschichten als absolut gleichwertig empfunden und ins Tagebuch aufgenommen. Ohne jemals davon zu sprechen, lässt er den Leser oft die menschlichen Abgründe hinter einer Person erahnen, lässt ihn Mitleid empfinden oder milde lächeln, und zeigt vor allem, dasss seine rauhe Schale des Menschenhassers doch manchmal sehr brüchig ist. Ds ist eine unheimliche Stärke des Buchs und deshalb liest es sicha uch so flüssig.


Hinter diesen Außenbeobachtungen tritt das Ich aber fast komplett zurück. Dieses Buch kann man nicht lesen, um die Frage „Wer ist David Sedaris?“ zu beantworten. Man erfährt maximal zwischen den Zeilen viele Dinge über ihn, die er sich während der Einträge selbst nicht eingestehen wollte. Man kann sich Gedanken machen über Alkoholabhängigkeit und sexuelle Belästigung, über Depression oder Einsamkeit, über die psychische Erkrankung seiner Schwester – all das wird aber nicht in Worte gefasst, sondern taucht nur am Rand einer Anekote auf. Dieses typische Sedarische Idyllenfresserchen, wie ich es nennen möchte, ist also nicht einfach nur ein Stilmittel in seinen Geschichten, sondern scheint ein Teil seines Blicks auf die Welt zu sein. Damit gibt sich für den Leser also auch die Gelegenheit, ein wenig mehr Verstehen von Sedaris Texten zu erhalten, falls man denn einen literaturwissenschaftlichen Leseanreiz braucht. Andererseits – bei Sedaris tut es auch einfach sein Name auf dem Umschlag.


Info-linkBlessing, 608 Seiten. Das Buch wurde mir vom Verlag kostenlos als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

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