Rezensionsexemplar

Sinclair Lewis – Main Street

41Bz1WW23JL._SX298_BO1,204,203,200_Carol Kennicott, eine junge Frau aus Neuengland, hat es in ein Provinznest verschlagen, deren Einwohner, so merkt sie rasch, völlig anders ticken als sie. Um keinen Preis wollen sie von Vorurteilen abrücken und mit neuen Ideen beglückt werden. Im Gegenteil: Wer an ihren tief verwurzelten Überzeugungen rüttelt, kann sein blaues Wunder erleben. So entspinnt sich ein Kampf zwischen zwei konträren Weltbildern – urbane Liberalität vs. rustikales Hinterwäldlertum. Dass Letzteres nicht so einfach zu überwinden ist, sondern böse zurückschlägt, wenn es sich bedroht fühlt, lässt sich an der USA der Gegenwart ebenso studieren wie an diesem turbulenten, unterhaltsamen Klassiker.


Die letzten Monate habe ich an einem Buch gelesen, nicht etwa, weil ich keine Lust gehabt hätte, sondern weil ich nach einigen Seiten immer mal wieder eine Pause zum Nachdenken gebraucht habe. Und an Seiten hat dieser 1920 erschienene Roman wirklich mehr als genug. Nach dem Ende habe ich dann noch einmal ein bisshen Zeit zum Reflektieren gebraucht, denn dieser Roman ist zum ersten Mal seit langem wieder einer gewesen, den ich mit der Absicht aufgeschlagen habe, mein Sujet an Literaturnobelpreisträgern zu erweitern. Sinclair Lewis war der erste amerikanische Preisträger und hatte mit „Main Street“ seinen Ruf als Gesellschaftskritiker begründet. Ein bisschen also wie Thomas Mann mit seinen „Buddenbrooks“? Das wollte ich natürlich herausfinden.


Ein „Buddenbrooks“ ist das Buch nicht direkt für mich, aber es war alles in allem eine extrem interessante Lektüre. Lewis ist ein sehr detailgetreuer Beobachter, der trotz allem auch Kritik an seiner Hauptfigur übt, statt sich damit zufrieden zu geben, die Hinterwäldler Minnesotas vorzuführen. Carol ist eine idealistische junge Frau, mit der man sich gut identifizieren kann, die man gelegentlich aber auch schütteln möchte, weil sie ihr „Projekt“ reichlich naiv angeht. Als hätten die Einwohner Gopher Prairies nur darauf gewartet, von der Dorfarztfrau zivilisiert zu werden … Bisher kamen sie nämlich auch ganz gut zurecht und fühlten sich weder völlig abgehängt von der Welt noch von der Kultur. In dieses Nest hinein wirft Lewis seine Leser und nimmt sich dabie wirklich Zeit. Zum Teil weren Einzelereignisse über mehrere Kapitel auserzählt, dann wieder zeitgerafft fortgefahren – für damalige Verhältnisse ein wirklich neues Erzählen, an das man sich aber ein wenig gewöhnen muss.


Ich fand vor allem diese Umbruchszeit der direkten Vorjahre des Ersten Weltkriegs sehr spannend. In den USA werden Dinge wie Automobile und Telefon langsam erschwinglich – noch nicht für alle, aber sie ziehen selbst in die Provinz ein – und die Menschen gewöhnen sich allmählich an die Verfügbarkeit von internationalen Waren. Gleichzeitig leben sie ihr Leben immer noch in dem Wertesystem des vorigen Jahrhunderts und wirken modern und anachronistisch zur selben Zeit. Genau diesen Menschen nähert man sich im Buch durch die Augen Carols und reibt sich an ihnen. Auch Carol selbst ist eine gepaltene Person, die jedes Mal den Kopf in den Sand steckt, wenn sie an Widrigkeiten stößt, gleichzeitig aber zumindest den ersten Schritt in Richtung Emanzipation wagt. Ihr Mann, der anfangs sehr fortschrtittlich wirkt, lehnt sich durch das ruhige Landlebne wieder komplett zurück in alle alten Verhaltensmuster. Spannend ist, dass man wirklich jede dieser Figuren aus seinem eigenen Leben zu kennen glaubt, sie sind bis heute vorhanden in den kleineren und größeren Städten auf dem Land, nicht nur in den USA.


Insgesamt ist das ein wirklich dichter Roman. Einer, bei dem man viel Input erhält und bemerkt, wie wenig sich die Gesellschaft eigentlich wirklich verändert hat. Es ist nicht immer leicht zu lesen, aber auf jeden Fall lohnenswert.


Info-linkManesse, 1008 Seiten. Das Buch wurde mir vom Verlag über das bloggerportal kostenlos zur Verfügung gestellt.

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