Eigenes Buch

Simon Cox- The Reykjavik Confessions

518jh6uodhl

1974 verschwinden in Island zwei Männer spurlos. Sie haben nichts gemeinsam, die Polizei sieht keine Verbindung zwischen den Fällen. Zufälligerweise gerät eine Gruppe junger Gelegenheitsganoven ins Fadenkreuz der Ermittler und wird vorsorglich verhaftet. Eine junge Frau erzählt von einem Traum, bei dem sie die anderen beobachtet hat, wie sie etwas Großes nachts im Kofferraum verstecken. Ist es wirklich ein Traum oder, wie die Polizei schon bald überzeugt ist, eine unterdrückte Erinnerung?


True Crime ist ja eins der Genres, in die ich immer mehr einsteige. Seit einem Jahr habe ich Stern Crime im Abo und bin da erstmals über den Fall der Reykjavik Six gestolpert, habe ihn dann aber irgendwie wieder vergessen. Dann fand ich vor drei Wochen in meinen Netflix-Vorschlägen „Out of thin air“ vor, eine Dokumentation über genau diesen Fall. Und vorgestern fand ich beim Durchblättern meiner kindle-Bibliothek ein ich weiß nicht wann gekauftes Buch über … na, ihr ahnt es. Zeit also, sich mal intensiv zu beschäftigen mit einem der spektakulärsten isländischen Kriminalfälle, der außerhalb der Insel kaum bekannt ist.


Seit ich „Der Serienmörder, der keiner war“ gelesen habe, bin ich bei dem Thema unterdrückte Erinnerung extrem zwiegespalten. Wie schnell es tatsächlich funktioniert, Leute davon zu überzeugen, dass sie etwas getan haben, obwohl sie keine Erinnerung daran haben, fasziniert mich wirklich. In Island kam vor allem bei einigen der Angeklagten dazu, dass sie beim in Frage kommenden Zeitraum meistens betrunken waren oder andere Drogen intus hatten, sodass diese Zeit für sie sowieso kaum im Gedächtnis existierte. Wenn man dann immer wieder konfrontiert mit den Aussagen anderer, ist es nachvollziehbar, dass man irgendwann ins Zweifeln gerät. Für die Polizei und Aufseher stand die Schuld quasi fest, da man im isländischen Strafsystem dem Geständnis einen viel wichtigeren Platz einräumte als in Deutschland, und eventuelle Unterschiede in den Aussagen wurden einfach so lange angesprochen, bis einer sich plötzlich erinnerte, wie es wirklich war. Gerade das hat mich sprachlos gemacht, ebenso wie die Tatsache, dass die Angeklagten einfach mal eben teilweise fast zwei Jahre in Einzelhaft saßen ohne jeden Kontakt nach draußen, der über Polizeibeamte hinausging. Das erinnert schwer an die RAF-Häftlinge und deren Haftbedingungen, war aber vielleicht tatsächlich auch ein Stückweit dem Zeitgeist entsprechend.


Inzwischen wurden fünf der sechs Urteile des Prozesses wieder eingezogen, wenn auch für zwei der Verurteilten zu spät. Dabei stützte sich das Gericht auch auf inzwischen geltende Verhörstandards und eine ausgerechnet von einem isländischen Gutachter entwickelte Skala zur Einschätzung der Glaubwürdigkeit von Geständnissen. Der war, gelinde gesagt, ziemlich entsetzt, als er erstmals Tagebuchaufzeichnungen von einem Angeklagten damals zu Gesicht bekam, in denen nicht nur von Folter die Rede war, sondern für jeden Leser sehr deutlich nachvollziehbar wurde, wie dieser Mann im Laufe seiner Einzelhaft immer mehr selbst davon überzeugt wurde, etwas verdrängt zu haben. Im Buch wird sehr ausführlich eingegangen auf die immer wiederkehrenden Verhöre und es werden die verschiedenen Fassungen der Aussagen zitiert, die sich so erheblich voneinander unterscheiden, dass man einfach nur den Kopf schütteln kann, dass jemadn wirklich davon ausgehen wollte, dass hier ein wahres Geständnis vorliegt. Mich hätte allerdings ein wenig mehr interessiert, wie die Angeklagten heute darüber denken, was sie heute dazu zu sagen haben, das kommt im Buch aber wirklich nur kurz vor. Die Polizei war zu keiner wirklichen Stellungnahme bereit, und so ist es übr weite Strecken eine eher ermüdende Lektüre. Kein Glanzwerk der Sachbuchliteratur, aber ein Buch, das zumindest die Erinnerung wachhält an diesen eherunbekannten Fall.


Info-linkSimon Cox: „The Reykjavik Confessions.“ BBC Digital, 2018. 320 Seiten.

1 reply »

  1. Das klingt wirklich interessant und recht spannend. True Crime lese ich manchmal gerne, nur ist es oft hart, weil man weiß, dass die Geschichten nicht erfunden sind.

    Hier interessiert mich zusätzlich der Schauplatz Island. Ich finde das Land sehr interessant.

    Liebe Grüße,
    Nicole

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s