Eigenes Buch

Bart van Es – The Cut Out Girl

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Viele Familien haben ein Geheimnis. Doch nur wenige eines wie die von Bart van Es. 1942 hatten seine Großeltern, einfache Arbeiter aus Dordrecht, das ihnen völlig unbekannte jüdische Mädchen Lien vor den Nazis versteckt. Achtjährig war sie von ihren Eltern von Den Haag aus zu den van Es geschickt worden, mit ihrem Poesiealbum und einem Brief ihrer Mutter an die Pflegeeltern in der Tasche. Doch schon einige Monate später musste Lien die Familie, die sie schnell lieb gewonnen hatte, verlassen und in ein sichereres Versteck auf dem Land weiterziehen, wo es ihr nicht gut erging. 1945 kehrte sie als einzige Überlebende ihrer Familie zu den van Es zurück und wurde von ihnen adoptiert. Doch Bart kannte Liens Geschichte nicht – wie konnte das sein, wo sie doch gemeinsam mit seinem Vater und dessen Geschwistern aufwuchs? Warum hatte seine Großmutter den Kontakt mit ihr abgebrochen?


Ich war ja eigentlich nur neugierig was dieses Geheimnis sein könnte, deshalb habe ich mir das Buch spontan mitgenommen bei einem meiner täglichen Ausflüge in die Buchhandlung. Und ich bin jetzt seit drei Tagen am Grübeln, wie ich diesem Buch in einer Rezension gerecht werden kann. „The Cut Out Girl“ ist für mich schon jetzt das vermutlich eindringlichste Buch, das ich in diesem Jahr lesen werde.


Das Buch beginnt erst einmal mit einem Kaffee, auf den sich Bart van Es und Lien treffern, nachdem er sie 2014 ausfindig gemacht hat. Sie zeigt ihm ihr Poesiealbum, das sie kurz vor dem Untertauchen bekommen hat und das sievon ihren Freunden während der Kriegszeit und danach hat ausfüllen lassen. Die Unterhaltung wirft bei Bart van Es dann Fragen auf, denen er mit der Akribie des Wissnschaftlers nachgeht. Besuche in Museen und Dokumentationszentren stehen für ihn auf dem Plan, genauso wie das Aufsuchen der einzelnen Schauplätze von Liens Leben und Gespräche mit den verschiedensten Beteiligten. Dabei nimmt er den Leser mit und so entsteht für uns sehr schnell ein lebendiges Bild der Niederlande in den Vierziger Jahren. Extrem spannend für mich war z.B. die Tatsache, dass es ein sehr großes Netzwerk sozialistischer Arbeiter gab, die jüdische Kinder an Familien verteilten. Dort wurden die Kinder als Verwandte ausgegeben und überlebten oft den Krieg – nicht immer, wie van Es auch sehr eindrücklich beschreibt. Langsam tastet er sich mit Liens Hilfe voran in der Lebensgeschichte eines jungen Mädchens, das nie wirklich zu etwas zu gehören scheint.


Streckenweise war van Es sehr wissenschaftliche Darstellung für mich kaum zu ertragen, weil dadurch dieser kalte Schrecken des Holocaust erst so richtig bewusst wird. Gegen Ende des Buchs wird ein Auszug aus einer Rede abgedruckt, die Lien in den Neunziger Jahren gehalten hat. Damals gab es erstmals ein Treffen der Überlebenden dieses Netzwerks, und bei der immer gleichen Auflistung von Namen und Verwandtschaftsgraden und Todesortenist mir irgendwann richtig übel geworden. Lien ist die einzige Überlebende ihrer gesamten weitreichenden Familie, der einzige ebenfalls überlenden Onkel hat in den Sechziger Jahren Selbstmord begangen, weil er es nicht ertragen konnte, überlebt zu haben. Vor diesem Hintergrund setzt sich van Es auch immer wieser auseinander mit seiner eigenen direkten Familie, es gibt Probleme mit der ältesten Tochter, der sich van Es nicht richtig zuwenden kann ohne zu wissen, warum. Gleichzeitig greift das Buch, das zwischen 2014 und 2017 erschienen ist, auch immer wieder die politische und gesellschaftliche Stimmung auf, das Charlie-Hebdo-Attentat hat gerade stattgefunden, die Niederlande haben die Ermordung Pim Fortuyens uns Theo van Goghs noch in Erinnerung – sind wir wieder auf dem Weg in diese Gesellschaft, in der Lien in den Vierzigern aufwuchs und nur überleben konnte, weil sie ihre Vergangenheit vergaß?


Wie gesagt, dieses kurze Buch hat mehr zu bieten als man aif den ersten Blick ahnt. Man muss sich ein bisschen einlassen auf die Vorgehensweise van Es‘, auf seine stellenweise etwas trockene Sprache und seine Eigenreflexionen. Dann wird man aber wirklich belohnt mit einem ausgezeichneten Buch.


Info-linkBart van Es: „The Cut Out Girl“. Fig Tree; 2018. 288 Seiten.

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