Rezensionsexemplar

Carrie Snyder – Die Frau, die allen davon rannte

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„Ich heiße Aganetha Smart. Ich bin 104 Jahre alt. Mein ganzes Leben war und ist Bewegung.“ Als eines Tages zwei junge Leute in ihrem Altenheim auftauchen, um sie – die einstige kühne Pionierin – für einen Film über weibliche Athleten zu interviewen, sagt sie bereitwillig zu. Trotz ihrer Gebrechlichkeit sehnt sie sich nach Abenteuer. Oft denkt sie an ihre Erfolge zurück. An ihre Goldmedaille bei den Olympischen Spielen. Durch die beiden Besucher wird Aganetha nun wieder mit den Erinnerungen an ihr Leben konfrontiert, auch mit einer Lüge, die bis zum heutigen Tag Bestand hat. Und ihr wird mehr und mehr klar, dass die beiden nicht die sind, für die sie sich ausgeben …


Ich hatte mich vom ersten Blick an in dieses Titelbild verliebt. Ich weiß auch nicht genau, warum, aber diese Farbgestaltung sprach mich einfach an, und der Klappentext klang nach einem extrem interessanten Leben. Vielleicht habe ich mich deshalb mit einigen falschen Erwartungen ans Lesen gemacht, die dazu geführt haben, dass ich das Buch erst einmal sehr frustriert abgebrochen habe. Dennoch hat es mich nicht losgelassen, sodass ich es schließlich doch wieder zur Hand genommen habe und beim zweiten Mal dann doch mehr angetan war, als ich gedacht hätte.


Ich war von Anfang an von der Erzählperspektive irritiert. Denn Aganetha Smart ist 104 Jahre alt und weit entfernt von einer agilen Anti-Aging-Kampagne oder einem im Klappentext erwähnten „bereitwilligen Zusagen“. Stattdessen sitzt sie im Rollstuhl, kann sich kaum verständlich machen und ist nahezu blind. Interessante Ausgangslage, allerdings kommt es mir so vor, als würde das im Lauf der Handlung gelegetnlich vergessen, damit sie doch in Kontakt mit ihren „Entführern“ treten kann. Das hat mich beim ersten Lesen echt gestört, beim zweiten Lesen konnte ich aber meinen Fokus mehr darauf setzen, dass das für Aganetha die Möglichkeit zur Introspektive bietet, dank der ihre Flashbacks in die Handlung eingebettet werden können. Das ist spannend gemacht, führt aber leider auch dazu, dass hier keine lineare Lebensgeschichte erzählt wird, sondern es Vor- und Rückblenden, vor allem aber sehr viele Leerstellen gibt.


Diese Leerstellen haben mich beim zweiten Lesen wirklich gestört. Ich hätte gerne viel mehr erfahren über das Leben von Leichtathleten in den Zwanziger Jahren, lange bevor Sport vollständig professionalisiert wurde. Ich hätte gerne auch mehr Atmosphäre geschnuppert, gerade bei den Olympischen Spielen, und fand es schade, dass genau dieses wichtige Ereignis so knapp abgehandelt wurde. Die angedeuteten Hintergründe des ersten und fürlange Zeit einzigen 800m-Laufs der Damen wären so schön ausbaufähig gewesen, schade eigentlich.


Wirklich warm geworden bin ich mit Aganetha das ganze Buch über nicht, auch die Wendung am Ende war für mich wenig geheimnisvoll oder berührend, sondern mit erschreckend wenig Emotion verbunden. Aganetha selbst ist in der Geschichte extrem emotionslos, ich finde keinen großen Kontakt zu ihr und ehrlich gesagt, will ich das auch gar nicht. Durch die vielen Leerstellen im Buch bleiben auch die anderen Figuren sehr blass und bieten wenig Identifikationsmaterial. Was ich aber wirklich faszinierend fand, waren die kurzen Nachrufe auf die jeweilige Person, die irgendwann im Text auftauchen. Wie innerhlab von ganz wenigen Zeilen ein gesamtes Leben im Schnelldurchlauf stattfindet, war wirklich spannend und hat mich an einige Montagesequenzen aus „Lola rennt“ erinnert. Vielleicht war es genau das, was mich dann bei der Stange gehalten hat, dass das Buch einfach eine so ungewohnte Erzählperspektive bietet und gerade deshalb für mich hochgradig interessant wurde. So richtig zufrieden bin ich damit nicht, aber ich bin trotzdem nicht enttäuscht vom Lesen.


Info-linkCarrie Snyder: „Die Frau, die allen davon rannte“. btb, 2017. 352 Seiten. Dieses Buch habe ich kostenlos vom Verlag über das bloggerportal zur Verfügung gestellt bekommen.

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